* 35 *

Jenna, Ullr, Septimus und Beetle traten hinaus in einen stillen, verschneiten Wald.
Septimus rammte Sams Wanderstab in den Schnee, um die Stelle zu markieren – Sam hatte recht, es gab sonst nicht den geringsten Anhaltspunkt. Das rote Halstuch hing schlaff herab. Kein Lüftchen regte sich, alles war still. Die drei sahen einander an, sagten aber nichts – keiner wagte es, die Stille, die sich wie eine schwere Decke auf sie legte, zu stören. Wohin sie auch blickten, überall nur Schnee und Bäume, die so dicht standen, dass ihre schwarzen Stämme sie wie Gitterstäbe eines großen Käfigs umschlossen. Schnee rieselte von den Ästen über ihnen herab und landete sanft auf ihren Haaren und Gesichtern. Jenna wischte sich die Flocken von den Wimpern und hob den Blick. Die Stämme der Bäume waren schlank und glatt und verzweigten sich erst weit oben zu einem breiten und flachen Schneedach.
Eigentlich hatten sie erwartet, auf einen Weg zu gelangen, aber da war kein Weg – nur eine eintönige, ebene Wildnis aus Bäumen, die sich in alle Richtungen erstreckte. Es führten keine Fußabdrücke zu der Stelle, wo sie standen, sie konnten nicht sagen, wo vorn und wo hinten war. Es war, als hätte sie ein großer Vogel mitten im Wald fallen lassen.
»Werfen wir einen Blick in die Karte«, flüsterte Septimus.
Jenna setzte ihren Rucksack ab, zog Nickos Buch heraus und entnahm ihm die sauber gefaltete Karte. Septimus hielt die Karte zum ersten Mal in den Händen. Sie knisterte noch von der magischen Wiederherstellungslösung, doch sie fühlte sich geschmeidig und fest an. Septimus liebte Karten. Er war damit aus seiner Zeit bei der Jungarmee vertraut. Er war damals ein guter Kartenleser gewesen. Doch als er jetzt Snorris sehr detaillierte Zeichnungen betrachtete, wurde ihm klar, dass er eines immer als selbstverständlich vorausgesetzt hatte – dass er wusste, wo er sich befand, wenn er losmarschierte.
»Wo sind wir?«, fragte Beetle, der ihm über die Schulter spähte.
»Gute Frage«, erwiderte Septimus. »Wir könnten überall sein. Hier gibt es keinerlei Orientierungspunkt ... nichts.« Er steckte den Finger durch das Loch in der Mitte der Karte. »Wir könnten sogar hier sein.«
»Nein, ausgeschlossen«, widersprach Jenna. »Da ist das Foryxhaus.«
»Das vermuten wir«, entgegnete Septimus. »Aber wir wissen nicht mit Bestimmtheit, was an der fehlenden Stelle ist, oder?«
Jenna antwortete nicht. Sie weigerte sich, auch nur zu denken, dass sie nicht auf dem Weg zum Foryxhaus und zu Nicko sein könnten. In der Hoffnung, zur Abwechslung einmal etwas Nützliches bei sich zu tragen, durchwühlte sie die beiden tiefen, mit Seide gefütterten Taschen ihres roten Wollkleids. Sie wusste nicht mehr, ob sie das Ding wieder aufgehoben hatte, nachdem sie es in einen Wutanfall durchs Zimmer geworfen hatte, als ihr richtiger Vater, Milo, ihr mitgeteilt hatte, dass er wieder auf Seereise gehen werde. Dann umschloss ihre Hand eine kalte Metallscheibe, und sie grinste. »Ich habe einen Kompass dabei«, sagte sie.
»Du hast einen Kompass dabei?«, fragte Septimus.
»Ja, du brauchst gar nicht so überrascht zu tun.«
»Aber du hast doch sonst nie etwas bei dir.«
Jenna zuckte gereizt mit den Schultern. Es stimmte, sie hatte sonst nie etwas dabei. Als ihr Hauslehrer sie wohlwollend darauf hingewiesen hatte, dass Prinzessinnen und Königinnen dafür bekannt seien, war ihr das peinlich gewesen. Sie wollte keine typische Prinzessin sein – und dass sie eines Tages Königin werden sollte, fand sie immer noch ziemlich eigenartig. Doch nach der Bemerkung ihres Hauslehrers hatte sie darauf geachtet, dass sie immer ein paar Gegenstände bei sich trug, auch wenn sie keinen erkennbaren Nutzen hatten, nur um zu beweisen, dass er unrecht hatte. Und nun erwies sich Milos Kompass, der nicht einmal dazu taugte, bei Mutter Custard eine Tüte bunte Gummischildkröten einzutauschen, plötzlich als nützlich. Jenna hielt den kleinen Messingkompass hoch, und sie sahen zu, wie die Nadel sich drehte ... und drehte ... und drehte wie der Zeiger einer Uhr, die vorgestellt wurde.
»Das dürfte er eigentlich nicht tun, oder?«, fragte Jenna.
»Nein«, antworteten Beetle und Septimus gleichzeitig.
»Das ist mal wieder typisch Milo«, schimpfte Jenna. »Alle seine Sachen sind nutzlos – und merkwürdig.«
»Ich würde eher sagen, dass dieser Wald merkwürdig ist«, gab Beetle zu bedenken und sah sich nervös um.
»Kann ich mal sehen?«, fragte Septimus. Jenna gab ihm den Kompass und fragte sich, ob er wohl funktionierte, wenn Septimus ihn hielt. Er tat es nicht. Septimus kniete sich hin, legte die Karte auf den harschigen Schnee und wischte ein paar dicke Schneeflocken weg. »Ich weiß nicht, wo wir sind, aber ich werde den Kompass ... äh ...« Septimus fuhr mit der Hand über die Karte, als hoffe er auf irgendeinen Hinweis. Er erhielt keinen. »... dahin setzen«, sagte er und platzierte ihn in die linke untere Ecke.
»Wird das ein Navigationszauber?«, fragte Beetle.
Septimus nickte.
»Aber wie soll das klappen ohne den Teil, zu dem wir wollen?«, fragte Beetle und deutete auf das Loch in der Mitte der Karte.
»Vielleicht kann ich ihn dazu bringen, dass er uns den Weg bis zum Rand des Loches weist«, antwortete Septimus. »Und wer weiß, vielleicht können wir von dort aus das Foryxhaus sehen.«
»Ja, einen Versuch ist es wert – Hauptsache, die Nadel hört auf, sich wie verrückt im Kreis zu drehen. Das wird mir langsam unheimlich.«
Septimus zog ein Kreuz aus dünnem Draht aus seinem Lehrlingsgürtel, machte einen Balken gerade, der sich verbogen hatte, und legte das Kreuz auf den Kompass. Jenna und Beetle spähten ihm über die Schulter. Die Kompassnadel drehte sich weiter.
»Es klappt nicht«, sagte Jenna besorgt.
»Ein bisschen Geduld«, grummelte Septimus. »Ich muss kurz überlegen, wie der Dingsbums noch mal geht.«
»Dingsbums?«, fragte Jenna. »Ein Fachausdruck.«
»Haha.«
Septimus legte den Finger auf das Kreuz, schloss die Augen und murmelte: »X soll die Stelle zeigen.« Dann nahm er das Kreuz wieder von dem Kompass und legte es an den Rand des Loches in der Mitte der Karte.
»Hier ungefähr?«, erkundigte er sich. Jenna und Beetle nickten. Septimus ließ den Finger auf der Mitte des Kreuzes und sprach:
Durch Wälder so tief, ohne Weg und Steg
»Sie ist stehen geblieben!«, rief Jenna. Die Kompassnadel verharrte an einer Stelle und zitterte nur ganz leicht, wie es sich für eine Kompassnadel gehörte. »Du bist einmalig«, sagte sie zu Septimus. »Ach was«, erwiderte er. »Das könnte jeder.«
»Sei nicht albern. Ich könnte es nicht, und Beetle auch nicht. Oder, Beetle?«
Beetle schüttelte den Kopf, aber Septimus zog eine Grimasse. »Das ist doch nichts Besonderes«, sagte er.
Septimus hielt den Kompass, und sie marschierten los, in die Richtung, in die die Nadel zeigte. Jenna trug die Karte und hielt im Gehen Ausschau nach Landmarken, an denen sie sich orientieren konnten. Auf der Karte waren viele eingezeichnet – Wegkreuzungen, ein gewundener Bach mit mehreren Brücken, frei stehende Steine, ein Brunnen und jede Menge kleiner Häuser, die über die ganze Karte verteilt und hübsch gezeichnet waren, mit kleinen spitzen Dächern und Schornsteinen. Snorri hatte sie als »Schutzhütten« bezeichnet. Schutz wovor?, fragte sich Jenna. Aber wohin sie auch blickten, überall nur ebener Waldboden, begraben unter einer nichtssagenden Schneedecke.
Sie behielten ein zügiges Tempo bei, marschierten weiter in die Richtung, die ihnen der Kompass wies, und hielten nach irgendwelchen Landmarken Ausschau. Nur einmal machten sie kurz Rast und stärkten sich mit getrocknetem Fisch und einer Flasche Quellwasser, die Septimus oben in seinem Rucksack gefunden hatte. Dann zogen sie unverdrossen weiter, drei kleine Gestalten in Wolverinenmänteln und eine rote Katze, die sich zwischen den Bäumen einen Weg durch den eisverkrusteten Schnee suchten, der bei jedem Schritt unter ihren Stiefeln knirschte.
Alle zwanzig Schritte blickte sich Septimus um. Bei den langen Waldmärschen in der Jungarmee hatten sie das stundenlang am Stück üben müssen, und jetzt fiel es ihm wieder ein wie eine lieb gewordene, alte Gewohnheit – Beobachten und Sichern hatten sie das damals genannt. Meist sah er nur dicht an dicht stehende Bäume, Jenna und Beetle, die mühsam durch den Schnee stapften, und zwischen ihnen einen hüpfenden Irrwisch aus rotem Fell. Manchmal jedoch glaubte er mehr zu sehen – eine Bewegung am Rand seines Gesichtsfeldes. Doch das behielt er für sich. Er wollte den anderen keine Angst machen. Vielleicht bildete er es sich ja nur ein. Bäume bildeten am Rand des Gesichtsfelds häufig seltsame Schatten, sagte er sich und dachte an die optischen Täuschungen, die Foxy so gern zeichnete.
Sie erklommen gerade einen Hügel, auf dem die Bäume so dicht standen, dass sie im Gänsemarsch gehen mussten, als Jenna auffiel, dass der weiße Wald grau wurde. Sie blickte in die Karte, doch Snorris Bleistiftstriche waren in dem trüben Licht kaum noch zu erkennen. »He, Beetle«, fragte sie, »wie spät ist es?«
Beetle sah auf seine Uhr. Sie war in dem Dämmerlicht schwer zu lesen. »Halb drei«, antwortete er.
»Wieso wird es dann schon dunkel?«, fragte Jenna.
Beetle schaute sich verwundert um. Jenna hatte recht – es wurde dunkel. Die Dämmerung brach herein.
»Vielleicht geht deine Uhr falsch«, rief Septimus über die Schulter und beschleunigte seine Schritte. Er wollte schnell die Hügelkuppe erreichen.
»Es liegt doch nicht an meiner Uhr, dass es dunkel wird«, schnaufte Beetle gereizt und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. »Die Sonne geht unter, das ist der Grund.«
»Vielleicht zieht ein Unwetter auf«, rief Septimus nach hinten. »Ein Schneesturm. Kalt genug ist es ja.«
Jenna blieb stehen, denn sie hatte bemerkt, dass Ullr nicht mehr an ihrer Seite war. »Das ist kein Schneesturm«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme. »Die Sonne geht unter. Genauer gesagt, sie ist schon untergegangen. Seht mal da.« NachtUllr tauchte zwischen den Bäumen auf und kam auf sie zu. Sein Fell verschmolz mit den schwarzen Stämmen, und seine großen Panthertatzen hoben sich dunkel vom hellen Schnee ab.
»Oh, Mist«, entfuhr es Beetle.
»Komm, Beetle«, sagte Jenna und fasste ihn an der Hand. »Wir müssen Septimus einholen.«
Beetle lächelte. Plötzlich kam ihm eine Nacht im Wald gar nicht mehr so übel vor.
Septimus war oben auf dem Hügel stehen geblieben und wartete auf Jenna und Beetle. Wenn er ins Tal blickte, wurde ihm leicht schwindlig. Er murmelte einen von diesen Hexenglückssprüchen, die Marcia zutiefst missbilligte, und zwang sich, nach unten zu sehen. Vor ihm lag ein breiter, leicht abschüssiger Hang, der viel spärlicher mit Bäumen bewachsen war. Und in der Ferne glomm ein Licht in der Dunkelheit. Er grinste – manchmal funktionierte so ein Hexenzauber eben doch. Während er hinsah und es rings um ihn immer dunkler wurde, schien der Lichtpunkt immer heller zu leuchten. Und als Jenna und Beetle endlich zu ihm stießen, strahlte er wie ein Leuchtfeuer.
Sie machten sich an den Abstieg. Das kleine Rudel Wolverinen – dem ein Panther nachsetzte – kam gut voran, und als es sich dem Grund des Tales näherte, war plötzlich das Gluckern von Wasser zu vernehmen.
»Das muss der Bach auf der Karte sein«, flüsterte Jenna, die Angst hatte, im Dunkeln lauter zu sprechen. »Das bedeutet, dass dieses Licht... dass es eine Schutzhütte sein muss, habe ich recht?« Ihre Stimme klang fast flehend.
»Wollen es hoffen«, sagte Septimus. Der Hexenspruch spukte ihm noch im Kopf herum und stimmte ihn zuversichtlich – zuversichtlicher, als er den ganzen Tag über gewesen war. Er hakte sich bei Jenna und Beetle unter, und zusammen stapften sie durch den Schnee, der hier unten im Tal tiefer war und ihnen fast bis zu den Knien reichte. Ullr schlitterte nicht mehr über die eisige Kruste, sondern bewegte sich mit weiten Sätzen fort. Der Schnee hatte sein schwarzes Fell weiß gesprenkelt und die Haare an seinem Kinn in einen Altmännerbart verwandelt.
Jenna und Beetle ließen sich von Septimus’ guter Laune anstecken. Das Gurgeln des Baches verdrängte die bedrückende Stille des Waldes, und der gelbe Schein der Laterne erhellte den gefrorenen Schnee vor ihnen. Die Kombination von Schnee und Laternen stimmte alle drei fröhlich. Jenna und Septimus erinnerte sie an jene Winterzeit, die sie bei Tante Zelda verbracht hatten und an die sie beide gerne zurückdachten. Beetle erinnerte sie an die Schneetage, an denen er nicht zur Schule gehen musste – Tage voller Möglichkeiten, an denen die Fenster vollkommen zugeschneit waren, wenn er morgens aufwachte, und seine Mutter die Laterne entzündete und Eier mit Speck briet.
Als sie näher kamen, sahen sie, dass das Licht tatsächlich aus einer kleinen Holzhütte kam. Sie hatte ein Ofenrohr als Schornstein und sah genauso aus wie die, die Snorri gezeichnet hatte. Die Lichtquelle war eine Laterne. Sie hing in einem kleinen Fenster über der Tür und ließ die wenigen Bäume, die noch zwischen ihnen und der Hütte standen, lange Schatten werfen.
Wenige Augenblicke später stießen sie die Tür der Hütte auf. Kaum waren sie eingetreten, ertönte in der Ferne ein seltsames, schauerliches Heulen.
Beetle schlug die Tür zu, und Jenna schob die Riegel vor – alle drei.
»Große Riegel«, sagte Septimus. »Ich frage mich, wozu.«
»Denk nicht darüber nach«, sagte Beetle. »Denk einfach nicht darüber nach.«